Warum halten wir Krieg für realistisch und Frieden für naiv?

Warum halten wir Krieg für realistisch und Frieden für naiv?

Seit einiger Zeit beschäftigt mich eine Frage, die zunächst beinahe kindlich klingt:

Warum erscheint uns eine Welt, in der Millionen Menschen bereit sind, auf Befehl andere Menschen zu töten, realistisch – während uns eine Welt, in der Millionen Menschen gemeinsam sagen „Nein, das tun wir nicht“, naiv erscheint?

Ich weiß, dass die Wirklichkeit komplizierter ist als dieser Satz. Es gibt Staaten, Interessen und Grenzen. Es gibt Macht, Angst, Gewalt und Menschen, die bereit sind, andere Menschen anzugreifen. Es gibt die Frage nach Verteidigung und die Verantwortung, andere zu schützen. All das verschwindet nicht, nur weil man sich Frieden wünscht.

Und trotzdem komme ich von dieser einfachen Frage nicht los.

Wir kennen den alten Satz: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Meist begegnet er uns wie ein schöner Friedensspruch aus einer anderen Zeit. Man kann ihm zustimmen und gleichzeitig denken: So funktioniert die Welt eben nicht.

Aber ich möchte den Gedanken einmal wörtlich nehmen.

Stellen wir uns tatsächlich vor, es ist Krieg und keiner geht hin.

Nicht nur die Menschen des einen Landes. Nicht nur diejenigen, die gerade verlieren würden. Nicht nur Pazifisten oder Kriegsdienstverweigerer. Ich meine wirklich alle.

Zwei Regierungen geraten in einen schweren Konflikt. Gespräche scheitern. Politiker drohen einander. Irgendwann erklärt eine Regierung den Krieg, die andere antwortet entsprechend.

Und dann passiert nichts.

Kein Soldat steigt in einen Panzer. Kein Pilot startet seinen Kampfjet. Niemand richtet ein Gewehr auf einen Menschen auf der anderen Seite. Niemand bedient eine Drohne, um damit einen Menschen zu töten. Niemand transportiert die Munition an die Front.

Die Politiker könnten weiterreden. Sie könnten sich gegenseitig beschuldigen, Pressekonferenzen geben, noch schärfere Erklärungen abgeben und neue Befehle unterschreiben.

Aber was genau wäre dieser Krieg, wenn kein Mensch bereit wäre, ihn zu führen?

Ein Befehl kann nicht schießen.

Ein Gesetz kann keinen Panzer fahren.

Ein Staat kann keine Bombe werfen.

Es braucht immer einen Menschen.

Das klingt banal. Vielleicht ist es gerade deshalb so leicht zu übersehen.

Wir sprechen von Staaten, die Krieg führen, von Armeen, die angreifen, von Bündnissen, die reagieren, von Gegnern, die besiegt werden müssen. Diese Begriffe sind notwendig, um politische Wirklichkeit zu beschreiben. Gleichzeitig verdecken sie etwas.

Am Ende begegnet immer ein Mensch einem anderen Menschen.

Vielleicht trägt der eine eine russische Uniform und der andere eine ukrainische. Vielleicht irgendwann eine deutsche, polnische, amerikanische oder irgendeine andere. Die Uniformen unterscheiden sich. Die Menschen darunter vermutlich viel weniger.

Da steht möglicherweise ein junger Mann, der ein paar Monate zuvor noch studiert, in einer Werkstatt gearbeitet oder mit Freunden zusammengesessen hat. Er hat Eltern. Vielleicht eine Partnerin oder einen Partner. Vielleicht Kinder. Er kennt Liebe, Angst, Freude, Zweifel und wahrscheinlich den Wunsch, sein Leben noch eine ganze Weile weiterzuführen.

Auf der anderen Seite steht ein Mensch, über den sich etwas sehr Ähnliches erzählen ließe.

Kriegerdenkmal in Ponte Chianale mit der italienischen Inschrift „Ai suoi eroi caduti nella guerra 1915–1918“.

Diese beiden Menschen kennen sich wahrscheinlich nicht. Sie haben sich persönlich nichts getan. Unter anderen Umständen hätten sie vielleicht miteinander gearbeitet, gegessen, gelacht oder ein Bier getrunken. Nun sollen sie einander töten, weil sie unterschiedlichen Seiten angehören.

Wie gelingt es uns Menschen, einen anderen Menschen so weit in eine Kategorie zu verwandeln, dass etwas möglich wird, was im persönlichen Leben für die meisten von uns unvorstellbar wäre?

Vielleicht beginnt Krieg deshalb lange vor dem ersten Schuss. Möglicherweise beginnt etwas Entscheidendes bereits dort, wo aus einem Menschen langsam „der Russe“, „der Ukrainer“, „der Deutsche“, „der Gegner“ oder schließlich „der Feind“ wird. Wo wir nicht mehr über einzelne Menschen sprechen, sondern über Gruppen, und das konkrete Leben hinter diesen Begriffen immer weniger sichtbar wird.

Ich möchte daraus keine einfache Erklärung für Krieg machen. Dafür sind Geschichte und Gegenwart viel zu komplex. Menschen kämpfen nicht nur aus Hass oder verletztem Ego. Sie kämpfen aus Angst und Überzeugung, aufgrund von Macht und Interessen, aus Gehorsam, manchmal unter Zwang und manchmal, weil sie tatsächlich sich selbst oder andere Menschen verteidigen müssen.

Gerade an der Frage der Verteidigung stößt jede einfache Friedensvorstellung an ihre Grenze. Wenn nur eine Seite sagt, dass sie nicht mehr kämpfen wird, während die andere weiterhin bereit ist, Gewalt anzuwenden, entsteht nicht zwangsläufig Frieden. Es kann Unterwerfung entstehen. Menschen können ihre Freiheit verlieren, andere können schutzlos werden. Diese Wirklichkeit darf ein ernsthafter Gedanke über Frieden nicht ausblenden.

Mein Gedankenexperiment geht deshalb weiter: Was wäre, wenn wirklich keiner hinginge?

Dann würde etwas sichtbar, über das wir erstaunlich selten sprechen: wie sehr Macht davon abhängig ist, dass Menschen bereit sind, sie auszuführen. Ein Politiker kann einen Befehl unterschreiben, aber jemand anderes muss ihn umsetzen. Selbst wenn Gehorsam erzwungen werden soll, braucht es wieder Menschen, die kontrollieren, festnehmen, bewachen oder Befehle durchsetzen.

Was bliebe von dieser Macht, wenn auch diese Menschen irgendwann sagten: Bis hierhin und nicht weiter?

Natürlich leben wir nicht in einer Welt, in der sich alle Menschen gleichzeitig darauf einigen, keine Gewalt mehr anzuwenden. Insofern ist mein Gedankenexperiment tatsächlich eine Utopie. Merkwürdig finde ich trotzdem, was wir im Gegensatz dazu längst für vollkommen realistisch halten.

Wir geben gewaltige Summen aus, um immer leistungsfähigere Waffen zu entwickeln. Wir bilden Menschen aus, damit sie im Ernstfall organisiert gegeneinander kämpfen können. Wir schaffen Armeen, Strategien, Bündnisse und Kommandostrukturen für einen Krieg, von dem nahezu jeder gleichzeitig sagt, dass er ihn verhindern möchte. Wir Menschen haben über Jahrtausende sehr viel darüber gelernt, wie Krieg funktioniert, und enorme technische, organisatorische und wirtschaftliche Fähigkeiten dafür entwickelt.

Das alles gilt als realistisch.

Die Vorstellung dagegen, dass Menschen sich kollektiv weigern könnten, einen unbekannten Menschen zu töten, erscheint uns weltfremd.

Vielleicht sagt das weniger darüber aus, was möglich ist, als darüber, woran wir uns gewöhnt haben.

Ich glaube nicht an eine Welt ohne Konflikte. Menschen werden unterschiedliche Interessen haben, sich missverstehen, streiten und um Lösungen ringen. Wir werden unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie wir leben wollen, und vermutlich wird es immer Situationen geben, in denen wir uns nicht einigen können. Vielleicht gehört der Konflikt sogar zum Menschsein.

Aber weshalb sollte aus einem Konflikt irgendwann das Recht entstehen, einen anderen Menschen zu töten?

Diese Frage reicht für mich inzwischen über den Krieg hinaus. Ich beobachte seit einigen Jahren, wie schnell wir Menschen als links oder rechts, geimpft oder ungeimpft, als Putin-Versteher, Kriegstreiber oder mit anderen Etiketten versehen und anschließend glauben zu wissen, mit wem wir es zu tun haben. Die Themen wechseln, aber manchmal ähnelt sich die Mechanik: Aus einem Menschen wird eine Kategorie, und die Kategorie erspart uns die Mühe, den Menschen dahinter noch kennenlernen oder ihm wirklich zuhören zu müssen.

Ich habe selbst erlebt, wie sich das anfühlt, wenn eine persönliche Entscheidung dazu führt, dass andere zu wissen glauben, was für ein Mensch man ist. Vielleicht bin ich deshalb empfindlicher dafür geworden, wenn aus Menschen Gruppen und aus Gruppen moralische Kategorien werden.

Das bedeutet nicht, dass jede Meinung richtig ist oder jede politische Position gleichwertig sein muss. Menschen können irren, lügen und anderen bewusst schaden. Wir müssen widersprechen können. Aber vielleicht können wir einem Gedanken widersprechen, ohne deshalb den Menschen dahinter abzuschreiben.

Auch das hat für mich etwas mit Frieden zu tun.

Frieden beginnt möglicherweise nicht erst an einem Verhandlungstisch zwischen Regierungen. Ein Teil davon beginnt viel früher, in unserem alltäglichen Umgang miteinander und in unserer Fähigkeit, einen anderen Menschen auszuhalten, obwohl er die Welt vollkommen anders sieht als wir. Frieden verlangt nicht, dass alle Menschen derselben Meinung sind. Vielleicht verlangt er zunächst nur, dass wir den anderen nicht zum Feind machen müssen, weil er anders denkt.

Ich weiß nicht, wie man die Kriege dieser Welt beendet. Ich weiß nicht, ob militärische Abschreckung Kriege verhindert oder an bestimmten Stellen die Gefahr einer Eskalation erhöht. Ich weiß auch nicht, welche politischen Entscheidungen sich in zehn oder zwanzig Jahren als richtig und welche sich als verhängnisvoll herausstellen werden.

Und ich weiß nicht, welche meiner heutigen Überzeugungen ich irgendwann korrigieren muss.

Vielleicht sollten wir diese drei Worte ohnehin wieder häufiger sagen dürfen: Ich weiß es nicht.

Was ich aber weiß: Ich möchte mich nicht daran gewöhnen, dass Krieg wieder zu einer normalen Möglichkeit menschlichen Zusammenlebens wird. Ich möchte nicht lernen, einen Menschen zu hassen, den ich überhaupt nicht kenne. Und ich möchte nicht einfach hinnehmen, dass die Vorstellung von Millionen Menschen, die organisiert gegeneinander kämpfen und einander töten, als vernünftig und realistisch gilt, während wir über die Vorstellung lächeln, dieselben Menschen könnten eines Tages gemeinsam Nein sagen.

Vielleicht wird dieser Tag niemals kommen. Aber manchmal frage ich mich, welche der beiden Vorstellungen eigentlich die verrücktere ist: eine Menschheit, die immer bessere Möglichkeiten entwickelt, einander zu töten, oder eine Menschheit, die irgendwann beschließt, dieses Spiel nicht mehr mitzuspielen.

Und deshalb bleibt für mich am Ende dieselbe Frage, mit der dieser Gedanke begonnen hat:

Warum erscheint uns eine Welt, in der Millionen Menschen bereit sind, auf Befehl andere Menschen zu töten, realistisch – während uns eine Welt, in der Millionen Menschen gemeinsam sagen „Nein, das tun wir nicht“, naiv erscheint?

 



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Jürgen Anton Schmid · Autor
Echtheit. Vertrauen. Stille.

Der GTA ist vorbei. Was bleibt, beginnt sich erst zu zeigen.