Heute bin ich siebzig geworden.
Wenn mir heute der dreißigjährige Jürgen gegenübersitzen würde, wäre er vermutlich ziemlich erstaunt. Nicht darüber, dass aus ihm irgendwann ein Siebzigjähriger geworden ist. Das hätte er sich auch damals schon ausrechnen können. Er würde sich eher darüber wundern, wie dieser Mann mit siebzig durch sein Leben geht.
Ich glaube, es würde ihm gefallen.
Er würde einen Menschen sehen, der noch immer neugierig ist, Pläne macht und sich auf Dinge freuen kann, die er noch nie gemacht hat. Einen, der Rennrad fährt, wochenlang mit Rucksack und Zelt durch die Berge läuft, fotografiert, Bücher schreibt und gerade darüber nachdenkt, einen eigenen Verlag aufzubauen. Wahrscheinlich würde er auch ziemlich genau hinschauen, wie dieser Siebzigjährige mit seinem Körper umgeht.
Darüber denke ich selbst in letzter Zeit häufiger nach. Nicht aus Eitelkeit und auch nicht, weil ich einem Jugendlichkeitsideal hinterherlaufen möchte. Dieser Körper trägt mich nun seit siebzig Jahren durch mein Leben. Ich habe ihm einiges zugemutet, und heute empfinde ich vor allem Dankbarkeit dafür, was dieses Zusammenspiel aus Körper, Geist und Seele noch immer möglich macht. Für mich ist es selbstverständlich geworden, darauf zu achten, es zu fordern, ohne es ständig überfordern zu müssen, und ihm etwas von der Achtung entgegenzubringen, die es verdient.
Der Dreißigjährige hätte damit vermutlich etwas anfangen können. Schließlich kam er aus dem Rennsport und wusste sehr genau, was ein Körper leisten kann, wenn alles zusammenspielt.
Manchmal denke ich noch heute an Hockenheim zurück. Es war eines meiner letzten Rennen auf dem langen Kurs, und an diesem Tag lief es richtig gut. Vor mir Anton Mang, Weltmeister, und wir waren dabei, uns an der Spitze abzuwechseln. Ich war schnell, richtig schnell, und spürte, dass an diesem Tag etwas möglich war.
Dann blockierte die Kurbelwelle.
Von einem Moment auf den anderen war das Rennen vorbei. Ich stand da, während die Kameras der Sportsendung auf mich gerichtet waren, und aus einem Tag, der einer meiner ganz großen hätte werden können, wurde ein Tag, an dem ich zuschauen musste.
Vorher hatte ich nach einer neuen Kurbelwelle gefragt. Man sagte mir, das sei nicht notwendig. Ich akzeptierte die Entscheidung.
Solche Geschichten sehen nach Jahrzehnten anders aus als in dem Moment, in dem man sie erlebt. Heute geht es mir nicht mehr darum herauszufinden, ob ich dieses Rennen gewonnen hätte. Das weiß niemand. Ich muss auch niemandem nachträglich die Schuld dafür geben, dass es anders kam.
Was ich heute darin erkenne, ist etwas über mich selbst.
Ich habe mir in meinem Leben zu viel hineinreden lassen.
Nicht nur im Rennsport. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, wie groß der Unterschied zwischen einem guten Rat und der Entscheidung über das eigene Leben sein kann. Manchmal habe ich anderen mehr vertraut als meiner eigenen Wahrnehmung. Manchmal habe ich mich angepasst, obwohl ich längst gespürt hatte, dass etwas für mich nicht stimmte.
Mit siebzig kann ich das sagen, ohne den jungen Mann dafür verurteilen zu müssen. Er hat mit dem gelebt und entschieden, was ihm damals zur Verfügung stand.
Auch deshalb halte ich wenig davon, mein Leben im Nachhinein in richtige und falsche Entscheidungen aufzuteilen. Vieles, was ich heute anders machen würde, war damals nicht zwangsläufig falsch. Ich war ein anderer Mensch, kannte andere Zusammenhänge und wollte andere Dinge.
Irgendwann begann sich daran etwas zu verändern.
1996 besuchte ich bei der IHK ein Seminar für Führungskräfte. Walter K. Saile war der Referent. Ich war auf ein Seminar über Führung eingestellt und begegnete dort Gedanken über Persönlichkeit und persönliche Entwicklung, die etwas in mir in Bewegung brachten. Im Rückblick war das für mich ein wirklicher Wendepunkt.
Ich begann anders hinzusehen.
Nicht schlagartig und schon gar nicht so, dass anschließend alles klar gewesen wäre. So funktioniert mein Leben ohnehin nicht. Manche Erkenntnis braucht Jahre, bis sie nicht nur verstanden, sondern auch gelebt wird. Trotzdem begann damals ein Weg, der mich später zur Arbeit mit Menschen, zum Schreiben und schließlich zu den Fragen führte, die mich heute beschäftigen.
Auf diesem Weg ist vieles geschehen, das ich mir mit dreißig nicht hätte vorstellen können. Ich habe Unternehmen aufgebaut, Erfolg erlebt und erfahren, dass Dinge, die sicher erscheinen, verloren gehen können. Ich musste neu anfangen und habe dabei Seiten an mir kennengelernt, denen ich freiwillig vermutlich lieber nicht begegnet wäre.
Und dann gibt es diese vollkommen anderen Momente, die kein Mensch planen kann.
Am 4. September 2023 war ich in Lazise, als mein Telefon klingelte.
Katrin war dran.
Sie sagte nur: „Jürgen, egal wo du bist, ich komme jetzt zu dir. Ich muss dir etwas sagen.“
Am Tag zuvor war unsere gemeinsame Intensiv-Gruppen-Seminarwoche zu Ende gegangen. Ich wusste nicht, was jetzt kommen würde. Katrin kam nach Lazise, sah mich an und sagte:
„Ich liebe dich.“
Seit diesem Augenblick sind wir zusammen. Inzwischen sind wir verheiratet, und wenn ich heute gefragt werde, was ich in meinem Leben wieder wählen würde, muss ich an dieser Stelle keine Sekunde nachdenken.
Wir sind ein Megateam. Das klingt groß, beschreibt für mich aber etwas sehr Einfaches: Wir wissen beide, dass der eine für den anderen durchs Feuer gehen würde. Nicht, weil bei uns immer alles gleich ist oder weil zwei Menschen plötzlich zu einem werden müssten. Wir sind zwei eigenständige Menschen, die sich füreinander entschieden haben und diese Entscheidung leben.
In diesem Sommer haben wir einen Teil davon auf eine besondere Weise erlebt. Fast zwei Monate waren wir zu Fuß durch die italienischen Alpen unterwegs. 555 Kilometer, 38.543 Höhenmeter bergauf, Rucksack und Zelt. Ventimiglia war unser Ziel, aber wie lange wir bis dorthin brauchen würden, hatten wir bewusst offengelassen.
Diese Freiheit war wichtig.
Wir mussten nicht an einem bestimmten Tag irgendwo ankommen und konnten deshalb unterwegs sein, ohne das Unterwegssein dem Ziel zu opfern. Wir sahen den Zapfen am Wegesrand, blieben bei einem seltenen Salamander stehen, beobachteten Steinböcke und nahmen uns Zeit für Menschen, Landschaften und Augenblicke, die sich nicht planen lassen.
Natürlich wollten wir irgendwann Ventimiglia erreichen. Ein Ziel zu haben und gleichzeitig den Weg wahrzunehmen, ist für mich kein Widerspruch. Im Gegenteil. Ich glaube heute, dass beides zusammengehört.
Auch mein Leben hat noch Ziele.
Ich möchte schreiben, fotografieren und mit Katrin unterwegs sein. Ich möchte weiterhin Rennrad fahren und Berge hinaufgehen, solange mein Körper mir diese Möglichkeit schenkt. Bücher warten darauf, geschrieben zu werden, und gerade entsteht mit dem JAS Verlag etwas vollkommen Neues. Es gibt Menschen, denen ich noch begegnen werde, Orte, die ich noch nicht kenne, und Gedanken, von denen ich heute nichts weiß.
Ob alles davon eintreten wird, weiß ich nicht.
Das muss ich auch nicht.
Mit siebzig interessiert mich weniger als früher, ob sich mein Leben exakt so entwickelt, wie ich es geplant habe. Wichtiger ist mir, wahrzunehmen, was gerade da ist, und meine Entscheidungen selbst zu treffen.
Deshalb beschäftigt mich an diesem Geburtstag auch nicht in erster Linie die Frage, wie viele Jahre inzwischen hinter mir liegen. Viel spannender finde ich die Jahre, die noch vor mir liegen.
Ich weiß nicht, wie viele es sein werden. Gerade deshalb möchte ich sie nicht behandeln, als lägen sie unbegrenzt vor mir.
Wenn ich heute meinem dreißigjährigen Ich tatsächlich begegnen könnte, würde ich ihm vermutlich keine großen Ratschläge geben. Ich würde ihm auch nicht erzählen, was er alles anders machen soll. Wahrscheinlich würde er ohnehin nicht auf mich hören, und möglicherweise wäre das sogar gut so.
Ich würde ihm nur gerne zeigen, dass aus ihm dieser Siebzigjährige geworden ist.
Ein Mann, der noch immer Freude daran hat, morgens aufzustehen und etwas vorzuhaben. Der einiges gewonnen und einiges verloren hat. Der gelernt hat, genauer auf seine eigene Wahrnehmung zu hören. Der einen Menschen an seiner Seite gefunden hat, mit dem er sein Leben teilen möchte. Und der dankbar dafür ist, dass Körper, Geist und Seele ihn noch immer dorthin tragen, wo seine Neugier ihn hinzieht.
Ob ich mein heutiges Leben noch einmal genauso wählen würde?
Nicht alles, was hinter mir liegt.
Aber sehr vieles von dem, was heute da ist.
Und genau deshalb möchte ich an meinem siebzigsten Geburtstag keine siebzig Lebensweisheiten verteilen. Nach all diesen Jahren habe ich nicht das Gefühl, angekommen oder gar erleuchtet zu sein. Ich habe Fragen, ändere meine Sicht auf Dinge und entdecke noch immer, dass manches, von dem ich überzeugt war, bei genauerem Hinsehen anders aussieht.
Das darf gerne so bleiben.
Denn wenn ich aus siebzig Jahren überhaupt einen Gedanken mitnehmen möchte, dann diesen:
Ich kann die Vergangenheit betrachten und aus ihr lernen. Ich kann für morgen planen und mich auf das freuen, was noch kommt. Leben kann ich jedoch nur an einem einzigen Ort.
Heute.
Und genau dort möchte ich sein.
Heute findet das Leben statt.