In diesem Moment war da nichts, was anders sein musste

In diesem Moment war da nichts, was anders sein musste

Für einige Tage war sehr schönes Wetter angekündigt. Katrin und ich beschlossen kurzfristig, die Gelegenheit zu nutzen und auf einen Berg zu gehen. Solche Entscheidungen gehören zu unserem Leben. Wenn es zeitlich passt, das Wetter stimmt und wir beide Lust darauf haben, müssen wir daraus kein großes Vorhaben machen.

Später saßen wir oben, aßen etwas und schauten in die Landschaft. Irgendwann sahen wir uns an. Ich weiß nicht mehr, ob wir in diesem Moment überhaupt etwas gesagt haben. Geblieben ist mir ein einfacher Gedanke: Wenn wir uns anschauen, wissen wir, dass wir genau das wollen.

Mit „genau das“ meinte ich mehr als diesen Platz auf dem Berg oder die Landschaft vor uns. Dazu gehörte, dass wir dort gemeinsam sitzen konnten, dass wir gesund genug waren, um diesen Weg zu gehen, und dass wir die Freiheit hatten, kurzfristig zu entscheiden, wie wir diesen Tag verbringen wollten. Nichts davon war neu. Gerade deshalb hätte ich leicht darüber hinweggehen können.

Wir gewöhnen uns an vieles, das einmal keineswegs selbstverständlich war: an den Menschen, mit dem wir unser Leben teilen, an einen Körper, der uns trägt, an Möglichkeiten, die wir uns geschaffen haben, und an Entscheidungen, die irgendwann weit zurückliegen und deren Folgen längst Teil unseres Alltags geworden sind. Was täglich da ist, verliert dadurch nicht seinen Wert, aber es kann aus unserer Aufmerksamkeit verschwinden.

In den vergangenen Wochen habe ich viel darüber nachgedacht, was es bedeutet, das eigene Leben genauer anzuschauen. Dabei liegt der Blick schnell auf dem, was nicht mehr passt, was fehlt oder was verändert werden könnte. Das ist verständlich, denn Unzufriedenheit verlangt nach Aufmerksamkeit. Ein gutes Leben meldet sich auf diese Weise oft nicht. Es funktioniert, und während es funktioniert, beschäftigen wir uns mit dem nächsten Termin, einer Aufgabe oder mit etwas, das noch nicht erledigt ist.

Der Nachmittag auf dem Berg hat mir eine andere Seite dieser Betrachtung gezeigt. Eine ehrliche Zwischenbilanz des eigenen Lebens kann auch zu der Erkenntnis führen, dass etwas bleiben darf, wie es ist. Man kann eine Entscheidung, die vor vielen Jahren getroffen wurde, mit den Erfahrungen von heute noch einmal betrachten und feststellen, dass man sie wieder treffen würde. Das macht sie nicht vollkommen und löscht die schwierigen Seiten ihrer Geschichte nicht aus. Es bedeutet lediglich, dass die Antwort aus heutiger Sicht noch immer Ja lautet.

Bei einer Partnerschaft wird das besonders deutlich. Katrin und ich haben eine gemeinsame Geschichte, und zu dieser Geschichte gehören nicht nur Bergtage mit weitem Blick. Ein gemeinsames Leben besteht aus sehr viel mehr. Gerade deshalb wäre es falsch, aus einem schönen Nachmittag eine Aussage über das Ganze machen zu wollen. Was ich sagen kann, ist kleiner und für mich gerade deshalb wahr: In diesem Moment saßen wir dort, schauten uns an, und ich wusste, dass ich diesen Teil meines Lebens wieder wählen würde.

Seitdem beschäftigt mich der Gedanke, wie häufig wir unser Leben erst genauer betrachten, wenn etwas schwierig geworden ist. Bei vielem, für das wir Verantwortung tragen, erscheint uns regelmäßiges Hinschauen selbstverständlich. Wir überprüfen, was funktioniert, wo wir stehen und ob eine frühere Entscheidung unter heutigen Bedingungen noch trägt. Im eigenen Leben geschieht das nicht immer mit derselben Selbstverständlichkeit. Dabei müsste eine solche Betrachtung nicht erst durch eine Krise ausgelöst werden.

Sie müsste auch nicht zwangsläufig mit einer Veränderung enden. Wer genauer hinsieht, kann entdecken, dass eine alte Entscheidung heute nicht mehr passt. Er kann ebenso erkennen, dass etwas, das durch Gewöhnung unscheinbar geworden ist, noch immer zu dem Leben gehört, das er führen möchte. Beide Antworten verdienen Aufmerksamkeit, weil sie aus dem heutigen Blick auf das tatsächlich gelebte Leben entstehen.

Dieser Nachmittag ist mir geblieben, obwohl dort nichts entschieden und nichts verändert wurde. Wir saßen auf einem Berg, aßen etwas und schauten hinaus. Für einen Moment war sehr klar, was im Alltag leicht selbstverständlich wird: Ich musste an diesem Teil meines Lebens nichts verbessern. Ich wollte ihn genauso haben.

Warum halten wir Krieg für realistisch und Frieden für naiv?
Siebzig