Grande Traversata delle Alpi 2026

58 Tage in den italienischen Alpen

08. Septembert 2026

Einen Monat später

Als wir am 2. August nach fast zwei Monaten mit Rucksack und Zelt wieder nach Ravensburg kamen, waren Katrin und ich uns ziemlich einig: Vom Wandern hatten wir erst einmal genug. 42 Wandertage durch die italienischen Alpen lagen hinter uns. Wir waren gerne unterwegs gewesen, aber nach unserer Rückkehr verspürten wir zunächst keinen Drang, gleich wieder die Rucksäcke zu packen und auf den nächsten Berg zu steigen.

Gut einen Monat später sah die Sache schon wieder anders aus. Am Freitag war das Wetter in Ravensburg wunderschön, und mehr aus Neugier schaute ich irgendwann auf die Vorhersage für Südtirol und schließlich auf den Hochfeiler. Für Sonntag wurde Kaiserwetter angekündigt. Wolkenloser Himmel und eine Fernsicht, die auf 3.510 Metern außergewöhnlich werden könnte. Ich fragte Katrin, ob sie Lust hätte, am Wochenende etwas ziemlich Verrücktes zu machen: ins Pfitschertal fahren und am Sonntag auf den Hochfeiler steigen. Wir mussten nicht lange darüber nachdenken.

Am Samstag fuhren wir von Ravensburg los. Da wir genügend Zeit hatten, nahmen wir den Weg über den Reschenpass nach Meran, weiter über den Jaufenpass nach Sterzing und schließlich hinein ins Pfitschertal. An Kehre 3 verbrachten wir die Nacht im Auto, damit wir am nächsten Morgen früh starten konnten.

Vor uns lagen rund 17 Kilometer und etwa 1.800 Höhenmeter bis zum Gipfel. Knapp fünf Stunden später, gegen 13 Uhr, standen wir auf 3.510 Metern am Gipfelkreuz des Hochfeilers. Über uns ein vollkommen wolkenloser Himmel, vor uns eine Bergwelt, die scheinbar kein Ende nahm. Die Fernsicht war so außergewöhnlich, dass wir überhaupt keinen Grund hatten, gleich wieder aufzubrechen. Wir blieben oben, aßen etwas, schauten, machten Fotos und versuchten wohl auch, etwas von dem festzuhalten, was sich dort oben kaum festhalten ließ.

Der Hochfeiler ist auch bei solchen Bedingungen kein Berg, den man nebenbei mitnimmt. 3.510 Meter sind hoch, und der Weg verlangte uns einiges ab. Auch nach dem Gipfel war der Tag noch lange nicht vorbei. Beim Abstieg zur Hochfeilerhütte warteten noch einige Kletterpassagen auf uns, bevor wir schließlich auf rund 2.700 Metern ankamen.

Später saßen wir vor der Hütte in der Sonne und schauten auf diese unglaubliche Bergkulisse. Nach den Stunden am Berg war nichts mehr zu tun. Wir konnten einfach dort sitzen. Am Abend gab es ein richtig gutes Essen, gekocht von jemandem, der sein Handwerk offensichtlich verstand, und mit Evi hatten wir eine Gastgeberin, bei der wir uns sehr wohlfühlten. Nach dem Gipfel, dem Abstieg und all den Eindrücken dieses Tages war dieser Abend auf der Hütte ein schöner Abschluss.

Am Montag stiegen wir wieder ins Pfitschertal ab und fuhren nach Ravensburg. Wir waren gerade einmal am Samstag losgefahren, und trotzdem fühlen sich solche wenigen Tage für uns manchmal an wie eine ganze Woche Urlaub. Vielleicht liegt es daran, dass in so kurzer Zeit unglaublich viel geschieht. Am Samstagmorgen sind wir noch zu Hause, wenige Stunden später schlafen wir im Auto irgendwo im Pfitschertal, am nächsten Tag stehen wir auf 3.510 Metern und am Montagabend sind wir wieder zurück.

Was mir an diesem Wochenende im Zusammenhang mit unserer GTA besonders gefällt, ist etwas anderes. Als wir am 2. August nach Hause kamen, wollten wir erst einmal nicht mehr wandern. Das war in diesem Moment genauso richtig wie unsere Entscheidung gut einen Monat später, wieder loszufahren. Wir haben uns nicht vorgenommen, möglichst bald wieder in die Berge zu gehen. Am Freitag war da zunächst nur ein Blick auf den Wetterbericht. Dann eine Idee. Und schließlich die Frage: Warum eigentlich nicht?

Vielleicht muss man nach einem langen Weg auch nicht sofort wissen, was davon bleibt. Manche Dinge zeigen sich erst später. Bei uns war es an diesem Wochenende die Lust, wieder einen Rucksack zu packen, früh am Morgen loszugehen und viele Stunden später irgendwo oben zu stehen.

Am Freitag war es nur eine Idee. Am Sonntag standen wir hier.

13. August 2026

Acht Wochen GTA liegen hinter uns.
Mit unserer Ankunft am Meer endete die Wanderung, aber offenbar nicht alles, was auf diesem Weg begonnen hat. Seit unserer Rückkehr tauchen Erfahrungen, Begegnungen und Beobachtungen wieder auf, die wir unterwegs kaum einordnen konnten. Auf dieser Seite sammeln wir, was sich erst mit Abstand zeigt.

 

Der GTA ist zu Ende. Der Weg noch lange nicht.

Acht Wochen waren Katrin und ich unterwegs. 48 Tage verbrachten wir in den Bergen, an 42 Tagen waren wir tatsächlich zu Fuß unterwegs, mit unseren Rucksäcken, dem Zelt und allem, was wir für diese Zeit brauchten. Sieben Monate hatten wir uns darauf vorbereitet, hatten trainiert, geplant und unsere Ausrüstung immer wieder ausprobiert. Vieles davon war wichtig. Auf das, was diese Wochen am Ende ausmachen würde, konnten wir uns trotzdem nur bedingt vorbereiten.

Seit unserer Rückkehr werden wir häufig gefragt, wie der GTA war. Eine einfache Frage, auf die uns eine einfache Antwort zunehmend schwerfällt. Wir könnten von den Kilometern und Höhenmetern erzählen, von langen Aufstiegen, steilen Abstiegen und Kletterpassagen mit und ohne Seilversicherung. Wir könnten von der Hitze berichten, von Regen und Nebel, von schweren Rucksäcken und von Tagen, an denen wir sehr genau darauf achten mussten, wie wir mit unseren Kräften umgehen.

All das gehörte zu dieser Reise. Wenn wir heute darüber sprechen, tauchen jedoch oft Erinnerungen auf, die sich kaum in Zahlen ausdrücken lassen.

Ein Weg, der unsere Aufmerksamkeit brauchte

Der GTA verlangte an vielen Tagen unsere ganze Aufmerksamkeit. Wegmarkierungen waren manchmal gut sichtbar und an anderer Stelle kaum zu finden. Auch die Zeitangaben auf den Schildern entwickelten gelegentlich eine eigene Logik. Es konnte passieren, dass ein Ziel mit eineinhalb Stunden angegeben war und wir eine Stunde später vor einem weiteren Schild standen, auf dem für dasselbe Ziel plötzlich noch zweieinhalb Stunden vermerkt waren.

Mit der Zeit lernten wir, uns davon weniger beeindrucken zu lassen. Entscheidend war ohnehin der Weg, der unmittelbar vor uns lag. Manchmal führte er über lange, steile Hänge, durch hohes Gras oder in ein Gelände, in dem kaum zu erkennen war, wo es weiterging. Wenn dann noch Nebel aufzog, veränderte sich eine zunächst unscheinbare Passage innerhalb kurzer Zeit.

In solchen Situationen zeigte sich auch, wie unterschiedlich Katrin und ich mit Anstrengung und Müdigkeit umgehen. Wenn Katrin müde wurde und merkte, dass auch der Kopf langsam müde wurde, begann sie manchmal, Blümchen am Wegesrand zu zählen. Diese kleine Beschäftigung half ihr, die Aufmerksamkeit für eine Weile auf etwas anderes zu richten. Bei mir war es eher umgekehrt. Wenn ein langer Tag irgendwann spürbar wurde, wollte ich ankommen und wurde häufig noch einmal schneller.

Für Streit oder lange Diskussionen blieb auf diesen Wegen kaum Raum. Wir waren beide sehr auf den jeweiligen Tag, die nächste Passage und unser gemeinsames Weiterkommen konzentriert. Gerade in schwierigem Gelände musste jeder bei sich und gleichzeitig aufmerksam für den anderen bleiben.

Wie schnell sich ein Tag verändern konnte, erlebte ich bei einem Sturz. Ich verlor den Halt und rutschte ungefähr zwei Meter nach unten. Dabei stauchte ich mir einen Finger. Noch während ich rutschte, ging mir durch den Kopf, ob unsere Reise an dieser Stelle vielleicht zu Ende sein könnte. Wenig später standen wir wieder auf dem Weg und gingen weiter. Der Finger blieb noch eine Weile schmerzhaft, die Reise ging weiter.

Was unterwegs plötzlich wichtig wird

Neben den Wegen sind es heute vor allem die Menschen, die in unseren Gesprächen immer wieder auftauchen. Manche Begegnungen dauerten nur kurz, andere einen ganzen Abend. Viele entstanden zufällig, weil wir hungrig waren, eine Unterkunft suchten, nach dem Weg fragten oder irgendwann einfach mit anderen Menschen an einem Tisch saßen.

In Monterosso Grana beispielsweise entstand eine dieser Geschichten rund um ein Essen. Eine Barbesitzerin ging eigens nach Hause, um für uns eine Lasagne zuzubereiten, und servierte sie uns später um 19 Uhr in ihrer Bar. An einem anderen Ort war unsere Sehnsucht nach Spaghetti Aglio e Olio inzwischen ziemlich groß geworden. Das Gericht stand dort gar nicht auf der Karte. Die Wirtin bereitete es trotzdem für uns zu.

Zu Hause wäre ein Teller Pasta wahrscheinlich einfach ein Essen. Nach vielen Stunden auf den Beinen, mit dem Rucksack auf den Schultern und einem weiteren Wandertag vor sich, verändert sich die Wahrnehmung solcher Dinge. Wir haben diese Mahlzeiten jedenfalls bis heute in Erinnerung, und das liegt vermutlich weniger an der Pasta selbst als an den Menschen, die sie für uns zubereitet haben.

Eine andere Begegnung begann an einem Nachmittag, an dem es in Strömen regnete. Wir waren bereits viele Stunden unterwegs, müde, hungrig und durstig und suchten eine Unterkunft. Bei einem Posto Tappa in der Gegend von Stroppo hieß es zunächst, alles sei ausgebucht. Die Wirtin schaute noch einmal nach und bot uns schließlich ein Zimmer mit Halbpension für 90 Euro p.P. an. Viele Rifugios hatten bis dahin zwischen 50 und 70 Euro gekostet, und an diesem Punkt entschieden wir, dass für uns eine Grenze erreicht war. Wir lehnten das Zimmer ab und machten uns trotz unserer Müdigkeit wieder auf den Weg.

Ein weiterer Wirt konnte uns ebenfalls keinen Schlafplatz anbieten, gab uns aber etwas zu essen. Später begegneten wir Valerie, der eine Bar an der Straße betrieb. Als er unsere Situation sah, bot er uns seine überdachte Terrasse als geschützten Platz für unser Zelt an. Bevor wir überhaupt mit dem Aufbau begonnen hatten, belegte er uns Panini, machte sie warm und kümmerte sich ganz selbstverständlich darum, dass wir erst einmal etwas zu essen bekamen.

Irgendwann an diesem Abend kam eine Gitarre dazu. Wir spielten und sangen gemeinsam und später nahm auch ich die Gitarre in die Hand. Ich erinnere mich noch gut an Valerie, der mir zuhörte und dabei den Tränen nahe war. Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen zusammen und gingen weiter. Es war eine Begegnung auf einem langen Weg, die nie geplant war und gerade deshalb bis heute sehr gegenwärtig geblieben ist.

Die Erinnerungen kommen erst nach und nach zurück

Während des GTA haben wir immer wieder versucht, unsere Eindrücke festzuhalten. Als wir nach rund 440 Kilometern Trinità erreichten und noch ungefähr acht Tage von Ventimiglia entfernt waren, schrieben wir darüber, dass die großen Zahlen unterwegs zunehmend ihre Bedeutung verloren. Kilometer und Höhenmeter standen zwar in unseren Aufzeichnungen, im Alltag auf dem Weg waren die Beine, die Schultern, der Rucksack, die Hitze und die Frage wichtiger, wie wir unsere Energie für den jeweiligen Tag einteilen.

Heute lesen wir manche dieser Texte mit einigen Wochen Abstand und merken, dass darin nur ein Teil dessen enthalten ist, was wir erlebt haben. Viele Erinnerungen kommen erst jetzt zurück. Manchmal genügt ein Foto oder ein Gespräch, manchmal taucht eine Situation auf einem ganz gewöhnlichen Weg in die Stadt wieder auf.

Dann erinnern wir uns an die Mittsommernacht auf dem Rifugio Chiaromonte und an Christian und Andrea, zwei Gemüsebauern aus der Region, die uns einluden und den Abend mit uns teilten. Wir denken an die Radfahrer aus Bologna am Rifugio Don Barbera, mit denen wir am Tisch saßen und ausführlich über Carbonara und darüber diskutierten, weshalb die bei uns bekannte Bolognese mit Bologna erstaunlich wenig zu tun hat. Wir erinnern uns an Neda und Paolo, an Alda vom Rifugio Baranca und an eine ältere Dame bei Alagna, die uns beim Trampen mitnahm. Eigentlich wollten wir nur bis zu einer Abzweigung fahren und von dort zu unserem Startort laufen. Sie brachte uns schließlich ganz dorthin, obwohl es überhaupt nicht auf ihrem Weg lag.

Es gibt noch viele solcher Geschichten. Manche haben wir bereits aufgeschrieben, andere existieren bisher nur in unseren Erinnerungen. Dazu gehören auch die anstrengenden und merkwürdigen Situationen, die körperlichen Grenzen, unsere Suche nach Wasser und Essen, unerwartete Schlafplätze und all die kleinen Widersprüche, über die wir unterwegs manchmal nur den Kopf schütteln konnten.

Der Weg schreibt das Buch

Während unserer Reise entstand irgendwann der Satz: „Der Weg schreibt das Buch.“

Damals war es zunächst ein Gedanke, der zu dem passte, was wir unterwegs erlebten. Seit unserer Rückkehr bekommt dieser Satz langsam eine weitere Ebene, denn wir beginnen gerade erst, unsere Aufzeichnungen, Fotografien und Erinnerungen zusammenzutragen. Dabei möchten wir uns Zeit lassen und zunächst bewahren, was tatsächlich geschehen ist.

Aus diesem Grund wird auch diese GTA-Seite weiterleben. Wir werden hier in den kommenden Monaten einzelne Geschichten erzählen und manches festhalten, das während der Reise keinen Platz gefunden hat. Dabei interessieren uns die Menschen und Begegnungen genauso wie die Wege, die körperlichen und mentalen Erfahrungen, unser gemeinsames Unterwegssein und jene Situationen, deren Bedeutung sich vielleicht erst mit größerem Abstand zeigt.

Was daraus eines Tages entsteht, lassen wir im Augenblick bewusst offen. Es gibt „Hinter den Bergen liegt das Meer“ und Sophia Bellini, die uns bereits vor und während der Reise begleitet haben. Gleichzeitig liegt vor uns inzwischen eine große Sammlung tatsächlich erlebter Geschichten von Katrin und mir. Wie diese beiden Ebenen später zusammenfinden oder ob daraus etwas Eigenes entsteht, müssen wir heute noch nicht entscheiden.

Im Augenblick reicht es, wieder hinzusehen und aufzuschreiben, was uns begegnet ist. Acht Wochen liegen hinter uns, doch viele Geschichten daraus beginnen für uns gerade erst wieder sichtbar zu werden.

Vielleicht hatten wir unterwegs mit einem Satz bereits mehr erfasst, als wir damals ahnten: Der Weg schreibt das Buch.