Seit unserer Rückkehr werden wir immer wieder gefragt, wie es war.
Acht Wochen unterwegs, davon 48 Tage in den Bergen und 42 Wandertage. Hunderte Kilometer zu Fuß, unzählige Höhenmeter, jeden Tag den Rucksack auf den Schultern und am Ende das Meer. Man könnte vieles darüber erzählen. Über lange Aufstiege, schwierige Abstiege, Kletterpassagen, Hitze und Gewitter. Über Wege, die plötzlich verschwanden, und Markierungen, auf die man sich nicht immer verlassen konnte.
Doch je länger unsere Rückkehr zurückliegt, desto weniger sind es diese Dinge, an die ich zuerst denke.
Es sind einzelne Bilder.
Katrin vor mir auf einem schmalen Weg. Ein Hang, der so steil war, dass wir kaum erkennen konnten, wie es weitergehen sollte. Nebel hinter uns und hohes Gras unter den Füßen. Momente, in denen einer von uns müde wurde und der andere einfach weiterging. Katrin begann manchmal, Blumen am Wegesrand zu zählen, wenn eine Passage mental schwierig wurde. Ich wollte an solchen Tagen irgendwann nur noch ankommen und ging schneller.
Wir haben während dieser acht Wochen nicht gestritten. Das erstaunt mich im Rückblick selbst ein wenig. Vielleicht lag es daran, dass vieles, worüber man im normalen Alltag diskutiert, dort oben keine Bedeutung hatte. Wenn vor einem eine schwierige Passage lag, musste man sich mit dieser Passage beschäftigen. Wenn der Weg nicht mehr zu erkennen war, mussten wir gemeinsam herausfinden, wo er weiterging. Und wenn wir müde waren, half keine Diskussion darüber, dass wir müde waren.
Der Weg verlangte Gegenwart.
Vielleicht denke ich deshalb heute ebenso häufig an die Menschen wie an die Berge.
An eine Wirtin, die für uns Spaghetti Aglio e Olio kochte, obwohl sie nicht auf der Karte standen. An eine Barbesitzerin, die nach Hause ging, dort eine Lasagne zubereitete und sie uns am Abend in ihrer Bar servierte. An Valerie, der uns bei Regen einen geschützten Platz für unser Zelt auf seiner Terrasse gab, uns vorher ein warmes Panino machte und später seine Gitarre holte. Irgendwann spielte auch ich. Es wurde ein Abend, den niemand geplant hatte.
Ich denke an eine ältere Dame, die uns mit dem Auto mitnahm. Eigentlich wollten wir nur bis zu einer Abzweigung fahren, von der aus wir nach Sant’Antonio weiterlaufen konnten. Sie fuhr uns einfach bis dorthin, obwohl es gar nicht ihr Weg war.
Und ich denke an Menschen, deren Namen wir vorher nicht kannten und die wahrscheinlich nie erfahren werden, dass wir uns noch heute an sie erinnern.
Unterwegs erschienen uns viele dieser Begegnungen fast selbstverständlich. Wir waren mit dem nächsten Tag beschäftigt, mit Wasser, Essen, dem Wetter, einer Unterkunft und der Frage, wie der Weg weitergehen würde. Erst jetzt, mit etwas Abstand, verändert sich der Blick darauf.
Vielleicht braucht eine lange Reise Zeit, bevor man überhaupt erkennen kann, was auf ihr geschehen ist.
Auch deshalb möchte ich aus dem GTA noch keine fertige Geschichte machen. Es wäre leicht, im Nachhinein eine Erkenntnis darüberzulegen und zu behaupten, diese acht Wochen hätten uns dieses oder jenes gelehrt. Im Augenblick wäre mir das zu schnell.
Denn manche Erinnerungen verändern sich bereits.
Die Zahlen werden unwichtiger. Selbst die schwierigen Passagen verlieren langsam ihre Schärfe. Dafür treten kleine Situationen hervor, denen wir unterwegs kaum besondere Bedeutung gegeben haben. Ein gemeinsamer Tisch. Ein Essen, das jemand für uns zubereitete. Eine Gitarre. Eine Autofahrt. Ein Gespräch mit Menschen, die uns wenige Stunden zuvor noch vollkommen fremd waren.
Vielleicht liegt darin etwas, das mich am GTA heute mehr beschäftigt als während des Gehens.
Wir waren wochenlang mit sehr wenig unterwegs. Alles, was wir brauchten, trugen wir auf dem Rücken. Unser Tagesablauf wurde von einfachen Dingen bestimmt. Aufstehen, essen, Rucksack packen, gehen, Wasser finden, einen Weg suchen und irgendwann einen Platz für die Nacht erreichen.
Das Leben wurde kleiner.
Und innerhalb dieses kleineren Lebens wurden manche Dinge erstaunlich groß.
Eine freundliche Geste konnte einen ganzen Tag verändern. Ein gedeckter Tisch wurde zu etwas Besonderem. Eine trockene Terrasse bei Regen konnte sich wie ein Geschenk anfühlen. Ein Mensch, der sich Zeit nahm, obwohl er uns nicht kannte, blieb in Erinnerung.
Was davon mit den Bergen zu tun hatte, was mit Italien, was mit den Menschen dort und was vielleicht mit unserer eigenen Wahrnehmung, weiß ich nicht.
Ich möchte es auch noch nicht wissen.
Vielleicht besteht ein Teil dieser Reise gerade darin, diese Fragen eine Weile offenzulassen.
Der GTA liegt inzwischen hinter uns. Der Rucksack steht wieder zu Hause. Unser Alltag ist zurückgekehrt. Wir fahren Rennrad, arbeiten, erledigen die Dinge, die zu unserem Leben gehören.
Und trotzdem tauchen mitten in einem gewöhnlichen Tag plötzlich Bilder auf.
Ein Tal. Ein schmaler Weg. Ein Tisch in einem Rifugio. Eine Stimme. Ein Lachen. Jemand, der etwas mit uns geteilt hat.
Dann merke ich, dass diese Reise offenbar noch nicht abgeschlossen ist.
Wir gehen nur nicht mehr jeden Tag weiter.
Was diese acht Wochen mit uns gemacht haben, beginnen wir erst langsam zu verstehen.
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Jürgen Anton Schmid · Autor
Echtheit. Vertrauen. Stille.